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    Naturpark-Tier 2026

Das Grüne Heupferd

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Kleines Pferd mit Flügeln

So groß wie ein Pferd ist es zwar nicht ganz, aber unter den Heuschrecken dennoch ein Riese: Das Grüne Heupferd (Tettigonia viridissima) erreicht eine Körperlänge von 30 bis 40 mm, wobei die Weibchen in der Regel etwas größer sind als die Männchen. Durch ihre äußerst langen Flügel erscheinen beide oft länger als 7 cm! Sie verleihen dem Grünen Heupferd ein gutes Flugvermögen und damit die Fähigkeit, schnell geeignete neue Lebensräume erreichen zu können.

Das Grüne Heupferd kann man nahezu überall im Naturpark Holsteinische Schweiz und in Schleswig-Holstein finden. Offenbar hat es sich in den letzten Jahrzehnten im Norden sogar ausgebreitet. So ist es heute auch in der Marsch häufig anzutreffen, von wo es nur wenige alte Nachweise gibt. Gab es Anfang der 1990er Jahre noch fast keine Meldungen über Grüne Heupferde auf den Nordseeinseln, bewohnen sie heute Sylt, Föhr, Amrum und sogar Helgoland. Es ist eine der häufigeren Heuschreckenarten und gilt derzeit als ungefährdet - ein Grund, weshalb das große Insekt vielen Menschen bekannt ist. Wer es noch nicht beobachtet hat, kennt aber vermutlich den lauten Gesang der Männchen, der den Sound des Hochsommers prägt! In ruhiger Umgebung können wir sie noch in 150 m Entfernung hören!

 

Nachtmusik

Die Gesänge sind vom frühen Nachmittag bis Mitternacht am intensivsten hörbar und begleiten manch einen bei geöffnetem Fenster in den Schlaf. Denn die Grünen Heupferde leben oft ganz in unserer Nähe. Sie sind nicht auf einen bestimmten Lebensraum spezialisiert, sondern kommen mit verschiedenen Bedingungen zurecht (Fachbegriff: euryöke Art). So wohnen sie häufig in Gärten mit Sträuchern, Bäumen und offenen Bereichen und sitzen auch gerne mal an der Hauswand. Außerdem findet man sie in Parks, Knicks, an Waldrändern, auf extensiven Weiden und Wiesen, Hochstaudenfluren und in Brachen.

Jungtiere des Grünen Heupferds leben eher im Erdgeschoss. Sie schlüpfen etwa Ende April und halten sich vornehmlich in der Krautschicht in Bodennähe auf. Die erwachsenen Tiere klettern dagegen gerne auf Hochstauden und in Gehölzen. Im Unterschied zu vielen anderen Insektengruppen, zu denen z.B. die Bienen, Wespen, Schmetterlinge und Käfer zählen, durchlaufen die Heuschrecken eine unvollständige (Fachbegriff: hemimetabole) Entwicklung. Das heißt, dass die kleinen Heuschrecken den erwachsenen Tieren schon sehr ähneln und es kein maden- oder raupenähnliches Larven- und ebenfalls kein Puppenstadium gibt. Die Jungtiere, Nymphen genannt, müssen sich ganze sieben Mal häuten, bevor frühestens Ende Juni die erwachsenen Heupferde bei uns erscheinen und etwa bis Ende Oktober zu finden sind.

 

 

Bild 1: Geschafft! Dieses Weibchen hat sich erfolgreich vom 6. zum 7. und damit letzten Nymphenstadium gehäutet. Die Nymphenhaut, Exuvie genannt, dient anschließend als Mahlzeit. 

 

 

© Helmut Bernhardt

Bild 1

Schau dir hier die sieben Nymphenstadien des Grünen Heupferds an: Nach jeder Häutung ist es etwas größer und ähnelt mehr und mehr dem erwachsenen Tier. 
Ab dem dritten Stadium erkennt man schon den Ansatz der Legeröhre und im sechsten Stadium die Flügelanlagen, die noch dick und ledrig sind. 

Bild 2
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Bild 3
© Christian Winkler

Auf den ersten Blick leicht zu verwechseln: Das Zwitscher-Heupferd (Tettigonia cantans); Männchen (Bild 2), Weibchen (Bild 3)...

Bild 4
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Bild 5
© Christian Winkler

...und das Grüne Heupferd zum Vergleich: Männchen (Bild 4), Weibchen (Bild 5).

Vorsicht! Doppelgänger!

Verwechseln kann man das Grüne Heupferd bei uns mit dem verwandten Zwitscher-Heupferd (Tettigonia cantans). Beide sind meist überwiegend lindgrün gefärbt, mit einem braunen Längsband, das sich über die Oberseite von Kopf, Halsschild und Flügeln zieht. Mit dieser Tarnfärbung sind sie trotz ihrer Größe in der Vegetation oft kaum zu entdecken. Dass sie zur Unterordnung der Langfühlerschrecken gehören, beweisen beide eindrucksvoll mit den sehr langen Fühlern, welche deutlich länger als der Körper sind. Zudem haben beide die heuschreckentypischen, außerordentlich langen und kräftigen Hinterbeine, mit denen sie sich vor allem zur Flucht wegkatapultieren können.

Ein gutes Unterscheidungsmerkmal bei den erwachsenen Heupferden sind aber die Flügel: Beim Grünen Heupferd sind sie schmal, ragen immer weit über den Hinterleib hinaus und bedecken bei den Weibchen meist ebenfalls noch die lange Legeröhre komplett. Beim insgesamt etwas kleineren Zwitscher-Heupferd dagegen, haben die Flügel eine breite Form, überragen gerade eben den Hinterleib und niemals die Legeröhre der Weibchen. Die Legeröhre ist zudem beim weiblichen Zwitscher-Heupferd gerade oder leicht nach oben gebogen, während das Weibchen des Grünen Heupferds eine leicht nach unten gebogene Legeröhre besitzt (siehe Fotos)
Auch akustisch kann man die beiden Arten gut unterscheiden - vor allem tagsüber, wenn es richtig warm ist. Dann erzeugt das männliche Zwitscher-Heupferd einen Gesang, der fast wie ein durchgehender, schwirrender Ton klingt, welcher zum Ende des Verses in der Tonhöhe ansteigt und nach einigen Sekunden kurz unterbrochen wird.

Beim „zerhackten“ Gesang des männlichen Grünen Heupferds dagegen, ist eine Reihe getrennter, scharfer Doppeltöne zu hören, die ebenfalls immer wieder kurz unterbrochen werden, aber mehr oder weniger dieselbe Tonhöhe behalten.
Bei tieferen Temperaturen verändert sich allerdings der Heupferd-Gesang und die Töne folgen viel langsamer aufeinander. Dann wirkt das Lied des Zwitscher-Heupferds ebenso zerhackt wie das des Grünen Heupferds; letzteres klingt aber immer noch schärfer. Sinken die Temperaturen unter 10°C, hören sie ganz auf zu singen.

Gesang der Flügel

Um zu singen benötigt das Grüne Heupferd übrigens keine Stimmbänder wie wir. Wie die meisten anderen Langfühlerschrecken auch, erzeugt es die Töne mit den Flügeln: Die Vorderflügel werden gegeneinander bewegt, wobei die erhabene Schrillleiste mit winzigen Zähnchen (A) auf der Unterseite des linken Flügels über die harte Schrillkante (B) des rechten Flügels gestrichen wird. Ungefähr so, als würde man mit einem Kamm über eine Tischkante fahren. Beide Vorderflügel besitzen noch einen Gesangsverstärker: Der sogenannte Spiegel (C) ist ein kleines Feld, das mit einer Membran bespannt ist. Beim Singen gerät die Membran in Schwingung und der Spiegel wirkt als Resonanzkörper, wie der Korpus einer Gitarre. Der Spiegel des rechten Flügels verstärkt den Ton dabei deutlich besser als der des linken Flügels, welcher mit Adern durchzogen ist (siehe Foto) und daher weniger gut schwingt. 
Hauptzweck des Gesangs der Männchen ist die Werbung um paarungsbereite Weibchen.

 

 

 

 

Das „Ohr“, um das Ständchen der Sänger hören zu können (das sogenannte Tympanalorgan), verbirgt sich bei den Heupferden, wie bei den meisten Langfühlerschrecken, unterhalb des Knies an beiden Vorderbeinen und ist in Form von jeweils zwei spaltförmigen Öffnungen (D) erkennbar – wenn man ganz genau hinschaut!

Einige Tage nach einer erfolgreichen Paarung sucht das Heupferd-Weibchen geeignete Orte zur Eiablage. Dazu bohrt es mit der etwa 3 cm langen Legeröhre in den Boden (Bild 6) und legt an verschiedenen Stellen über 200 Eier gruppenweise ab. Das Weibchen wählt dafür etwas feuchte Substrate aus, da die Eier (Bild 7) eine gewisse Feuchtigkeit für ihre Reifung benötigen. Der richtige Ort ist von großer Bedeutung für den Schlupferfolg, denn die Eier haben eine enorm lange Entwicklungszeit: Sie überwintern mindestens zweimal und überdauern mitunter sogar fünf Jahre, bevor die Nymphen schlüpfen!

© Bruno Ernecker

Zum Fressen gern

Heuschrecken haben eine riesige Bedeutung im Nahrungsnetz der Natur, denn sie werden von vielen anderen Tieren gefressen. So auch das Grüne Heupferd in allen Altersstadien: Wenn sie während oder kurz nach der Häutung noch nicht ausgehärtet sind, haben Ameisen besonders leichtes Spiel, sie mit den Mundwerkzeugen zu zerteilen. Auch viele Singvögel, darunter Meisen, fressen die Heupferd-Nymphen. Ausgewachsene Heupferde sind außerdem bei Neuntötern, Weißstörchen oder Graureihern beliebt und können zudem in den Netzen großer Spinnen hängen bleiben und zu ihrer Beute werden. Unter den Fledermäusen pflückt das Braune Langohr sie von Blättern ab und auch andere Säugetiere, wie Igel, Dachse, Füchse und Steinmarder fressen die Heupferde. In den Mägen von Erdkröte und Waldeidechse können kleinere Heupferde ebenso verschwinden. Gefahr droht auch von unerwarteter Seite: Das Zwitscher-Heupferd ist zwar etwas kleiner aber deutlich aggressiver und frisst mitunter die große Schwesterart!

Foto: Auch Turmfalken schnappen sich manchmal ein Grünes Heupferd oder eine andere Heuschrecke!

Oben: In sehr seltenen Fällen treten gelbe Varianten des Grünen Heupferds auf: Dieses Weibchen hat das siebte Nymphenstadium erfolgreich durchlaufen und häutet sich nun zum erwachsenen Heupferd. Selbst die langen Fühler werden vollständig gehäutet! Zuletzt müssen die klein zusammengefalteten Flügel ausgebreitet werden, indem die Körperflüssigkeit Hämolymphe in die Flügeladern gepumpt wird. 

Fleisch ist sein Gemüse

Wegen ihrer beachtlichen Größe und der sehr guten Flugfähigkeit werden Grüne Heupferde manchmal mit Wanderheuschrecken gleichgesetzt, die in großen Schwärmen über landwirtschaftliche Kulturen herfallen können und Ertragseinbußen verursachen. Sowohl die Jungtiere als auch die erwachsenen Grünen Heupferde ernähren sich aber hauptsächlich von anderen Insekten, wie Blattläusen, Raupen, Käferlarven und auch kleineren Heuschrecken. Weiche Pflanzenteile machen nur den kleineren Teil der Nahrung aus. Aus menschlicher Sicht sind die Grünen Heupferde daher besonders nützlich! Durch die Intensivierung der Landwirtschaft finden sie allerdings auf dem Grünland und vor allem auf den Äckern nur noch selten einen geeigneten Lebensraum. Konventionelle Getreidefelder beispielsweise, bieten für sie in der Regel zu wenig Insektennahrung oder die eingesetzten Pestizide schädigen die Heupferde direkt. Auch das heutzutage häufige Mähen des Grünlands ist für sie ein Problem. Es werden daher oft nur noch die Ränder landwirtschaftlicher Flächen besiedelt, am Übergang zu anderen Biotopen wie Knicks oder Brachstreifen.

 

© Olaffo 66
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heupferdfreundliches Wirtschaften

Wenn man dem Grünen Heupferd im heimischen Garten einen Gefallen tun möchte, gilt das gleiche Rezept, wie für viele andere Arten: Eine große Vielfalt heimischer Pflanzenarten und der Verzicht auf Pestizide fördert die Vielfalt von Insektenarten und damit die Nahrung des Heupferds.

Haben Sie Platz für eine Wildblumenwiese? Auf ihr können die Heupferd-Nymphen und auch die Jungtiere anderer Heuschreckenarten geschützt heranwachsen, da die erste Mahd, je nach Standort, erst im Frühsommer oder noch später durchgeführt werden muss. Sowohl im Garten als auch in der Landwirtschaft gilt, dass schnell fahrende Mähmaschinen mit rotierenden Messern und Mulchgeräte besonders problematisch sind, da ihnen viele Heuschrecken und andere Insekten zum Opfer fallen. Für kleinere Wiesenflächen im Garten lohnt es sich stattdessen, die Mahd mit der Handsense zu probieren (Fragen Sie doch mal bei Ihrem örtlichen Naturschutzverein nach Sensenkursen!) oder einen Balkenmäher einzusetzen, der das Gras ähnlich wie eine Schere abschneidet. Diese alte Technik, die in den 1960er Jahren der Standard in der Landwirtschaft war, ist heute noch erhältlich und auch mit modernen Schleppern kompatibel (Foto)

Alles über die Heuschrecken in SH!

In Schleswig-Holstein werden derzeit 38 Heuschreckenarten der Landesfauna zugerechnet.

In welchen Regionen und Lebensräumen kommen diese vielen Heuschrecken vor? Wie geht es ihnen dort eigentlich? Was können wir tun, um sie zu schützen? Bringt der Klimawandel neue Arten hierher?

Den aktuellen Wissensstand zu allen Heuschreckenarten im Norden fasst der neue Verbreitungsatlas des Arbeitskreises Heuschrecken in der Faunistisch-Ökologischen Arbeitsgemeinschaft (FÖAG) e.V. zusammen.

„Die Heuschrecken Schleswig-Holsteins“ erscheint im Frühjahr 2026 im Verlag Natur+Text und ist im lokalen Buchhandel erhältlich.

Für ein solches Atlasprojekt, für die wissenschaftliche Forschung und für den Naturschutz sind aktuelle Verbreitungsdaten der Arten von entscheidender Bedeutung.
Wer helfen möchte, diese wichtigen Daten zu gewinnen, braucht dazu nur ein Smartphone! Die kostenlose App ObsIdentify kann Fotos von Heuschrecken und anderen Lebewesen mithilfe von KI bestimmen. Spezialist/innen der jeweiligen Artengruppe überprüfen nochmal das Bestimmungsergebnis der KI bei hochgeladenen Fotos, bevor sie in eine Funddatenbank eingehen und für Wissenschaft und Naturschutz zur Verfügung stehen.

Weitere Infos gibt es unter:

 

www.insektenreich-sh.de/mitmachen/insekten-beobachten

Fotos durch Anklicken vergrößern 

 

Grünes Heupferd? Oder doch nicht? Neben dem Zwitscher-Heupferd, gibt es in SH noch ein paar andere Langfühlerschrecken, die einige Ähnlichkeiten haben. 

Die Gemeine Sichelschrecke (Phaneroptera falcata) (Bild 8) z.B.; sie ist eine wärmeliebende Heuschrecke und wurde erst 2010 in Schleswig-Holstein nachgewiesen. Seitdem breitet sie sich schnell nach Norden aus und ist schon vielerorts, auch im Naturpark, gesichtet worden. Ihre Hinterbeine sind im Verhältnis zum Körper noch länger und graziler als beim Grünen Heupferd und die obere Hälfte der Augen ist intensiv rot! Die Weibchen haben im Vergleich eine viel kürzere und stark sichelförmige Legeröhre; daher der Name. Vor allem aber ist die Gemeine Sichelschrecke mit 12-18 mm Körperlänge viel kleiner als das Grüne Heupferd. 

Der Warzenbeißer (Decticus verrucivorus) (Bild 9), erreicht hingegen die Körpergröße des Grünen Heupferds! Früher ließen die Menschen ihn mit seinen kräftigen Mundwerkzeugen in Warzen beißen, wobei er einen Verdauungssaft hervorwürgt. Von diesem Saft versprach man sich warzenheilende Wirkung. Der Warzenbeißer ist in SH sehr selten geworden und stark gefährdet, da seine bevorzugten wärmebegünstigten Lebensräume, mit mosaikartig höherer und niedriger Vegetation und offenen Bodenstellen ebenfalls stark abgenommen haben. Bis in die 1950er Jahre kam er sogar häufig auf bewirtschafteten, sandigen Äckern vor. Im Vergleich mit dem Grünen Heupferd ist der Warzenbeißer bulliger gebaut und kommt in vielen verschiedenen Färbungen vor, häufig auch in einem Heupferd-Grün. Auf den Flügeln kann man aber fast immer dunkle Würfelflecken erkennen, die Heupferde nie haben! Zudem überragen die Flügel des Warzenbeißers nur leicht den Hinterleib und die Legeröhre des Weibchens ist säbelartig nach oben gebogen. 

 

 

Texte: M. Wenzel

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